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Richard Einhorn: „The Origin - An opera/oratorio inspired by Charles Darwin's life and work for soprano, baritone, Balkan female choir, chorus, and orchestra“

Es gibt viele berühmte Musikwerke über Helden der Bibel oder der Literatur wie das Oratorium „Elias“ von Mendelssohn oder „La damnation de Faust“ von Berlioz. Aber nur selten wird ein Held der Wissenschaft zum Thema einer großen Komposition gemacht. Charles Darwin ist zweifelsohne einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Menschheitsgeschichte. Er hat entdeckt, dass alle Lebewesen aus gemeinsamen Urformen stammen und dass sie sich zu ihrer jetzigen Vielfalt durch einen schrittweisen natürlichen Selektionsprozess entwickelt haben. Diese Erkenntnisse haben unser Weltbild grundlegend verändert und sind seit ihrer Veröffentlichung 1859 auch außerhalb der Biologie weltweit insbesondere von der Theologie kontrovers diskutiert worden.

Darwins wissenschaftliche Texte beeindrucken durch ihren phänomenalen Scharfsinn, seine autobiografischen Texte durch Humor, Empfindsamkeit und Herzenswärme. All diese Merkmale zeichnen auch Einhorns Komposition aus, die er 2008 komponiert hat und für die er ausschließlich Texte aus Darwins Feder verwendet hat. Die Musik ist lebendig, abwechslungsreich und liegt stilistisch zwischen Weltmusik und Minimalmusik; gelegentlich ist Einhorns langjährige Erfahrung als erfolgreicher Komponist von Filmmusik hörbar. Die Musik weist erstaunliche Ähnlichkeiten mit Orffs Carmina Burana auf, obwohl sie viel moderner ist: Sie besteht aus 21 kurzen Nummern, ist reduziert und klar in der Harmonik, stellt die Sprache (auch den Sprachwitz) in den Vordergrund, ist emotional ergreifend und betont den Rhythmus.

Am Anfang von Einhorns Komposition „The Origin“ steht die Entwicklung aller Lebewesen aus einer Urform, was sich musikalisch sehr anschaulich darstellen lässt, wobei Einhorn seine Filmmusik-Erfahrung zu Gute kommt. Daran schließt sich eine Darstellung der vielen noch unzusammenhängenden und unbeantworteten Fragen an, die Darwin in seinen Notizbüchern notierte. Diese Bewegung des Suchens wird durch unruhige Rhythmen musikalisch nachvollziehbar gemacht. Auf die Nummern mit den Fragen folgen erste Ergebnisse: die Entwicklung der Arten als Analogie zu einem sich verzweigenden Baum. Das überträgt Einhorn unmittelbar in die Struktur der musikalischen Komposition. Er nennt dieses Verfahren „Inosculation“/Verzweigung. Auf die ersten Ergebnisse folgen Zweifel, dargestellt von den Solostimmen, die völlig unbegleitet alleine singen. Einhorn benutzt dafür Anklänge an mittelalterliche Liturgien und Litaneien, die, um das Drängen der Zweifel auszudrücken, im Tempo extrem gesteigert werden. In den letzten Nummern setzt sich dann allmächlich Darwins Freude darüber durch, dass er seine Zweifel ausräumen kann und dass es ihm gelingt, eine schlüssige Theorie zu entwickeln.

Die besondere Fähigkeit von Musik ist, auch die menschlichen Gefühle samt den sprachlich kaum benennbaren Zwischentönen darzustellen. Der Frauenchor singt an sechs Stellen im Werk a cappella Texte aus Darwins privater Biografie, durch die er als Mensch begreifbar wird: Z. B. wie er als Student Käfer sammelte, keine weitere Hand frei hatte, aber eine ganz besondere dritte Art entdeckte und sie in den Mund steckte, um sie mitnehmen zu können. Ein anderer Song handelt von der Trauer über den Tod seiner ältesten Tochter; darin wird Darwin als liebender Vater in berührender Weise erlebbar. In einer sehr erheiternden und vergnüglichen Nummer wird eine systematische Aufstellung vertont, die Darwin kurz vor seiner Hochzeit gemacht hat, in der er das Pro und Contra einer Heirat nüchtern und mit einer Prise Selbstironie mit wissenschaftlichen Methoden abwägt.

Die Aufführung wurde von einem Seminar begleitet, das das Programmheft verfasst hat und einen öffentlichen Einführungsvortrag im Haus der Wissenschaft/Sandstr. am Dienstag, den 14. Februar um 19 Uhr gehalten hat. Am Montag, dem 20. Februar um 20.10 Uhr ist im Musikjournal des Deutschlandfunks ein Beitrag von Marco Stäbler über diese europäische Erstaufführung von "The Origin" gesendet worden.
Für das Seminar hat Susanne Gläß ein PDF-Dokument zusammengestellt. Es enthält die Texte aus Darwins Schriften, die Einhorn in den einzelnen Nummern vertont hat, in ihrem jeweiligen Zusammenhang. Das, was Einhorn vertont hat, ist jeweils unterstrichen. Das Dokument beginnt mit zwei Landkarten mit der Reise der Beagle. Quelle für alles ist Darwin Online.

Ausführende:
Orchester, großer Chor & Frauenchor der Universität Bremen
Mezzosopran: Alison Browner
Bassbariton: Michael Dries
Dirigentin: Susanne Gläß

Konzertmeisterin des Orchesters: Clara Martinez Perez
Korrepetition der Chorproben: Stefanie Adler
Coaching der Streichinstrumente: Reinhold Heise (Bremer Philharmoniker)
Coaching der Holzblasinstrumente: Dirk Ehlers (Bremer Philharmoniker)
Coaching der Blechblasinstrumente: Thomas Ratzek (Bremer Philharmoniker)

Diese Aufführung wurde in Teilen durch den Förderverein Universitätsmusik an der Universität Bremen gefördert.

Konzert:
Bremen, Glocke/großer Saal, 15. Februar 2012, 20 Uhr

Beachten Sie auch die Kritik und die Bilder zum Konzert am 15. Februar 2012 sowie die Hörbeispiele.