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Kurt Weill: „Der Weg der Verheißung“

“Ich wollte die Negation des Hitlerregimes, was nur mit etwas Positivem zu erreichen ist. ‚The Eternal Road’ ist eine positive Antwort auf all die Wut, den Hass und die Erniedrigung unserer Zeit.“ Franz Werfel 1935

Kurt Weill hat „Der Weg der Verheißung“ in den Jahren 1933 – 35 komponiert. Ziel des Werkes war, die US-amerikanische Öffentlichkeit auf das Schicksal der jüdischen Verfolgten aufmerksam zu machen. Den Text verfasste Franz Werfel nach biblischen Vorlagen, die Inszenierung der New Yorker Uraufführung besorgte kein Geringerer als Max Reinhardt, beide wie Kurt Weill prominente Emigranten. Die New Yorker Uraufführung 1937 unter dem englischen Titel: „The Eternal Road“ war künstlerisch ein großer Erfolg, allerdings verschlang die aufwändige Inszenierung mit fünf verschiedenen Bühnen und dem kompletten Umbau eines Theaters Unsummen und das Projekt war nach 153 Aufführungen bankrott. Vermutlich hat dieses unselige Ende die weitere Karriere des Werks schwer belastet. Dazu kommt, dass nach 1945, nach der Shoa, der vorsichtige Optimismus des Werks auf Erfüllung der Verheißung in ferner Zukunft möglicherweise bereits zu optimistisch schien. Außerdem dauert die Oper im Original 4 – 6 Stunden und ist damit nur für große Häuser realisierbar. Das jedoch ist außerordentlich schade, denn die Musik ist großartig. Die umfangreichen Textszenen, in denen Werfel die Situation einer zeitlosen, von einem Pogrom bedrohten jüdischen Gemeinde darstellt, hat Weill nicht vertont. Er hat nur die von der bedrohten Gemeinde gemeinsam erinnerten biblischen Szenen in Musik gesetzt, und die haben eine in sich geschlossene Handlung, die auch bei Weglassung der Schauspielszenen weitgehend schlüssig ist, wie sich bereits an den Titeln der vier Akte ablesen lässt: „Erzväter“ – „Mose“ – „Könige“ – „Propheten“. Konzertant aufgeführt ähneln sie formal und strukturell einem Oratorium wie Mendelssohns „Elias“. Die von Orchester & Chor der Universität Bremen am 19. Mai 2009 konzertant aufgeführten beiden mittleren Akte „Mose“ und „Könige“ haben nicht länger als publikumsfreundliche zwei Stunden gedauert. Das Werk ist nicht schwieriger als Bachs Passionen und nicht größer besetzt als Orffs gleichzeitig entstandene „Carmina Burana“ und eine geradezu ideale Bereicherung des Repertoires insbesondere der zahlreichen großen Kirchenchöre in Deutschland, die neben den bekannten und immer wieder aufgeführten Werken Bachs, Händels, Mozarts, Mendelssohns, Bruckners und Brahms’ gerade ihren jüngeren Chormitgliedern auch einmal aktuellere Musik für Chor und Orchester bieten möchten, für die aber Brittens „War Requiem“ und Pendereckis „Lukaspassion“ zu anspruchsvoll und zu aufwendig sind und für die John Rutters Kompositionen schließlich doch zu wenig Substanz haben.

“Zur Hölle mit der Nachwelt – ich will meine Musik hören, so lange ich lebe.“ Kurt Weill
“Ich glaube, dass es die schönste Musik wird, die ich bisher geschrieben habe.“ Kurt Weill 1934

Kurt Weill hat in den 20er Jahren viel für den Rundfunk gearbeitet, er hatte offene Ohren für die aktuelle Musik seiner Zeit; er hat den Klang des Jazz seiner Epoche in seiner Musik eingefangen. Er hat das nicht wörtlich gemacht; er hat keine typischen Jazzrhythmen und Spielmuster übernommen, wie das Kollegen von ihm durchaus getan haben. Er hat nur die Klangfarbe des Jazz seiner Zeit ins Sinfonieorchester übertragen. In den 1920er und 1930er Jahren waren es noch nicht die Saxofone, sondern die Klarinetten, die Trompeten und die Posaunen, das Klavier und das Schlagzeug, die den Klang des Jazz prägten. Wir denken an Benny Goodman, King Oliver, Louis Armstrong und schließlich an Duke Ellington. Und wir erinnern uns an den etwas scheppernden, fast näselnden Klang der alten Aufnahmen, auf denen die Bässe besonders schwach zu hören waren. Es gelang Weill, die Farbe dieses Klanges in das klassische Sinfonieorchester mit großem Chor und Solostimmen, für das er „Der Weg der Verheißung“ komponierte, zu transportieren. Er hat die klassischen Hörner weggelassen und das Instrumentarium auf fünf Klarinetten erweitert, eine Hammondorgel, eine Gitarre, zwei Klaviere und ausreichend Schlagzeug dazugefügt, aber sonst nichts Grundsätzliches geändert. Alles übrige bewerkstelligte er durch die Kunst seiner Komposition. Sein Orchesterklang ist hell, fast grell, stets durchsichtig, manchmal dumpf, gelegentlich betörend süß - und immer unverwechselbar Weill.
Zum Komponieren bediente er sich bei allem, was er um sich herum hörte und was die Menschen seiner Epoche kannten und liebten. Dazu zählten Märsche, die damals noch nicht mit dem Stigma des Faschismus belegt und einfach nur beliebt waren. Mit ihnen stellt er die harte Fronarbeit der israelitischen Bevölkerung in Ägypten ebenso dar wie den Verdi-artig heiteren Schritt des israelitischen Volkes, als es endlich das gelobte Land in der Ferne sieht. Dazu gehörten auch synagogale Melodien, die Weill von seinem Vater, dem jüdischen Kantor, her vertraut waren wie das „Kol Nidrei“, mit dem er Mose die Gesetze verkündigen lässt. Dazu zählten außerdem der von Duke Ellington damals ganz neu kreierte „Jungle Style“, den Weill mit drei Tom Toms und viel Lärm einsetzte, um den heidnischen Tanz des abtrünnigen israelitischen Volkes um das goldene Kalb darzustellen. Und schließlich knüpft Weill auch noch an die große Tradition sinfonischer spätromantischer Musik an, etwa wenn er ein geradezu sinfonisches Leitmotiv aus einem aufsteigenden Dreiklang mit großer Sexte an der Spitze zuerst am Anfang des zweiten Aktes auftauchen lässt, wo es für die Wolke steht, in der Mose auf dem heiligen Berg seinem Gott begegnet. Dasselbe Motiv lässt er verwandelt am Ende des dritten Aktes, nun gespielt von Trompeten und Posaunen über vollem Orchesterklang, zurückkehren, als König Salomo die Gotteserscheinung in der Wolke darum bittet, sich jetzt im neu gebauten Tempel in Jerusalem niederzulassen. Da klingt sogar Weill ein bisschen wie Mahler. Doch nur ein klein wenig, denn er hat all diese Elemente in seinen persönlichen Klang eingeschmolzen, den unverkennbar Weill’schen „Melting Pot“.

“Ich stamme aus einer jüdischen Familie, die ihre deutsche Vergangenheit bis auf das Jahr 1340 zurückleiten kann“. Kurt Weill
“Ich habe immer das vollste Verständnis dafür gehabt, dass die deutschen Nationalisten meine Musik als ‚undeutsch’ bezeichneten“. Kurt Weill

Als Beitrag zum interreligiösen Dialog wie auch als Beitrag zur Beschäftigung mit der Zeit von 1933 – 1945 passte das Werk in besonderer Weise zum Deutschen Evangelischen Kirchentag und gleichzeitig zur Universität Bremen, die in ihrem Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik einen Schwerpunkt auf vergleichende Religionswissenschaft setzt. Die Aufführung wurde begleitet von einem Seminar des Instituts für Religionswissenschaft und Religionspädagogik unter Leitung von Dr. Sabine Offe, das das Programmheft geschrieben, eine Ausstellung im Foyer der Glocke gestaltet und einen öffentlichen Einführungsvortrag im Haus der Wissenschaft/Sandstr. in der Reihe „Wissen um 11“ (Sonnabend, 16. Mai, 11 Uhr) gehalten hat. Unter dem Titel „Und errichten will ich den ewigen Bund“ produzierte Hans-Peter Raiß /Radio Bremen eine Rundfunk-Reportage über Kurt Weill und den „Weg der Verheißung“, die am Donnerstag, den 14. Mai von 20.05 – 22 Uhr auf Nordwestradio gesendet worden ist.

Kurt Weill
„Der Weg der Verheißung“

Oper in 4 Akten, Text Franz Werfel

Zur Begrüßung des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags vom 20. – 24. Mai 2009 konzertante Bremer Erstaufführung der mittleren beiden Akte ohne die Schauspiel-Einlagen der Originalfassung:
Akt II "Mose" (sämtliche von Weill komponierte Musik der Szenen 17 – 23)
Akt III "Die Könige" (sämtliche von Weill komponierte Musik der Szenen 25 – 31, ausgelassen nur Szene 24 mit Material aus dem Buch Rut)

Ausführende:
Orchester & Chor der Universität Bremen
Begrüßung und Sprecherrolle: Bürgermeister a. D. Dr. Henning Scherf
Nadja Stefanoff/Mezzosopran
Mihai Zamfir & Christian-Andreas Engelhardt/Tenor
Jürgen Linn, Wolfgang von Borries, Nils Roese & Claus Ocker/Bariton
Leitung: Susanne Gläß

Sologeige und Konzertmeisterin: Iria Röder-Sorge
Solocello: Martin Kayser
Coaching Streichinstrumente: Reinhold Heise (Bremer Philharmoniker)
Coaching Holzblasinstrumente: Roland Früh (Bremer Philharmoniker)
Coaching Blechblasinstrumente: Wolfram Blum (Bremer Philharmoniker)
Coaching Schlaginstrumente: Marko Gartelmann (Bremer Philharmoniker)
Korrepetition Chorproben: Stefanie Adler

Die Universitätsmusik dankt Radio Bremen für die Leihe der historischen Hammondorgel.

Die Aufführung wurde in Teilen gefördert durch
Kurt Weill Foundation for Music, Inc., 7 East 20th Street, New York NY 10003, und
Waldemar Koch Stiftung, Bremen.

Der Aufführung lag Notenmaterial des Schott-Verlages zu Grunde. Das Copyright liegt bei EAMC/New York.

Konzert:
Bremen, Glocke/großer Saal, 19. Mai 2009, 20 Uhr