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Kritiken zum Konzert im Wintersemester 2011/2012

aus Weser-Kurier vom 17.02. 2012:

Musik nach Charles Darwin

Orchester und Chor der Uni führen „The Origin“ in der Glocke auf

VON CHRISTIAN EMIGHOLZ

Bremen. In einem Kraftakt haben Orchester und Chor der Universität Bremen unter ihrer Dirigentin Susanne Gläß ein gewaltiges Projekt mit rund 170 Mitwirkenden auf die Bühne der Glocke gestemmt: das fast zweieinhalbstündige Werk „The Origin“ des US-amerikanischen Komponisten Richard Einhorn. Es basiert auf schriftlichen Zeugnissen des Evolutionswissenschaftlers Charles Darwin und wurde 2009 in den USA zu Darwins 200. Geburtstag uraufgeführt. Nun erlebte es in der Glocke seine europäische Erstaufführung.
Einhorn nennt sein Werk „an opera/oratorio“ , wobei der Opernaspekt durchaus vernachlässigt werden darf, denn die 21 Stationen von „The Origin“ bieten wenig szenisches Material, weit interessanter ist der Begriff des Oratoriums, da diese sakrale Form per se eine spannungsgeladene Antithese zu Darwins Evolutionstheorie ist.
Die Frage nach Gott stellt Einhorns Opus allerdings nicht, es stellt vielmehr dem Wissenschaftler Darwin dem Familienmenschen gegenüber, betrachtet dabei sowohl Kurioses (wie seinen komischen Diskurs über die Ehe) als auch Komplexes (wie seine Betrachtung über die Entwicklung des Auges). Musikalisch orientiert sich der Komponist vor allen Dingen an den repetitiven Linien der Minimal Music, bricht sie aber durch Elemente der Filmmusik (so in der Einleitung) auf, fügt außerdem folkloristisches Material ein und setzt vor allen Dingen bei der Chorbehandlung auf die seit Carl Orff bekannten Gestaltungsmittel.
Richard Einhorns Partitur erfordert neben den beiden soliden Solisten Alison Browner (Mezzosopran) und Michael Dries (Bassbariton), dem großen gemischten Chor und Orchester eigentlich auch einen Frauenchor aus dem Balkan. In Ermangelung eines solchen hat Susanne Gläß kurzerhand einen Extra-Frauenchor ins Leben gerufen, dessen vokaler Farbenreichtum sich durchaus mit bulgarischen Frauenchören messen kann. Überhaupt hatte das Werk seine spannendsten Momente in diesen Partien für den Frauenchor. Besonders der Abschnitt „Die Reise der Beagle“ mit seinen Urwaldgeräuschen und der an Ernst Tochs „Fuge aus der Geographie“ angelehnten Behandlung der Reisestationen zeigte viel Witz. Eine große Leistung aller Beteiligten unter dem souveränen und empfindsamen Dirigat von Susanne Gläß.

Weitere Informationen zu diesem Programm finden Sie hier. Beachten Sie auch die Bilder zum Konzert am 15. Februar 2012 sowie die Hörbeispiele.