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Kritiken zum Konzert im Wintersemester 2008/2009

aus Weser-Kurier vom 30.01. 2009:

Klänge zwingen zum Mitdenken

Susanne Gläß leitet im Dom „A Child of Our Time“

von Simon Neubauer

BREMEN. Nach dem Riesenerfolg mit dem "Liverpool Oratorium" des Beatles Paul McCarthney lenkte Susanne Gläß ihren Blick erneut nach England. Dort entdeckte die Bremer Universitätsmusikdirektorin ein Werk, das hierzulande höchst selten zu hören ist: Michael Tippetts Oratorium "A Child of Our Time". Am Abend des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus erreichte sie mit Chor und Orchester der Universität Bremens im Dom eine Aufführung, die zum Mitdenken und Mitfühlen zwang.

Michael Tippett (1905-1998) begann sein Oratorium mit dem übersetzten Titel "Ein Kind unserer Zeit" noch unter den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges. Als er die letzte Note gesetzt hatte, war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Zwar diente Tippett das Schicksal des Progromopfers und Attentäters Herschel Grynszpan als Anlass, meint aber nicht allein den Vernichtungsschlag gegen die Juden, sondern denkt an alle Verfolgten und Gedemütigten.

Susanne Gläß hatte das vielgliedrige Werk fest im energischen Griff. Sie fächerte das in Struktur und Gliederung wiederholt an Bach erinnernde Oratorium mitsamt der Turbae, der kontemplativen Abschnitte und der Spirituals, die jeden der drei Abschnitte beenden, mit klarer Übersicht auf. Aber noch eindrucksvoller glückte der Wechsel der konträren Stimmung, die sich aus dunkler Leidenschaft über Aufbegehren, Verzweiflungsklagen, Aufschrei und Hoffnungslosigkeit bis zur Trauerbewältigung durch die Friedensbotschaft aus dem Gelobten Land spannen. Chor und Orchester der Universität Bremen waren so eindrucksvoll vorbereitet, um den Wechsel der Ereignisse und der Empfindungen auch in variablen Klängen mitteilen zu können.

Nach etwas zögerlichem Beginn der Bedrohung und Bedrückung steigerten sich die Sängerinnen und Sänger über die kunstvoll gesetzten, füllig flutenden Spirituals und die Deutung menschlichen Leids bis zur Intensität der Heilsbotschaft. Das Orchester, stets wesentlich geformt durch treffliche Holz- und Blechbläser, erreichte fast ohne Mühen die geschärften und schließlich lodernden Klangfarben, die das Geschehen bekräftigen. Jennifer Bird, noch unvergessene Sopranistin am Bremer Theater, überstrahlte mit mütterlicher Innigkeit das schmerzliche Leid, Clemens Löschmann gab vor allem dem verzweifelten Jungen den erschütternden Ton, Marie Kowolliks schöner Alt, hatte es schwer, sich gegen Klangmassen durchzusetzen, wie auch Loren Lang, der knorrig-milde Erzähler nicht immer gut zu hören war. Die freie Truppe "Expedition Theater Münster" vertiefte mit Szenen aus Bert Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reiches" die Eindrücke.