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Kritiken zum Konzert im Wintersemester 2006/2007

aus Weser-Kurier vom 13.02. 2007:

Hymnen bejubeln ein perfektes Eheglück
Susanne Gläß stellte in der Glocke Paul McCartneys "Liverpool Oratorio" von 1991 vor

Von unserem Mitarbeiter
Simon Neubauer

BREMEN. Da hat Paul McCartney der Heimatstadt seiner Beatles ein schönes Geschenk gemacht: Zusammen mit Carl Davis komponierte er 1991 das "Liverpool Oratorio", das dank der Bremer Universitäts-Musikdirektorin Susanne Gläß den Weg in die Glocke fand und dort nach einer intensiven Aufführung Riesenbeifall erzielte.

Die Musik hat nichts mit den berühmten Beatles-Songs zu tun, ist aber auch ohne Hörer-Schwierigkeiten aufzunehmen. Denn die Herren Komponisten waren nicht zimperlich beim Vermischen der verschiedensten Stile, gerundet freilich zu kurzweiligen und recht farbigen Klangkombinationen. Das Instrumentarium eines groß besetzten Orchesters vermag darüber hinaus gestisch und einsichtig Personen und Geschehen nicht nur stimmungsdicht darzustellen, sondern auch mit Ausdruck aufzuladen.

Neben bunten Breitwandklängen à la Filmmusik und Songs im veredelten Musicalstil zeugen McCartneys belebende Einfälle für mancherlei auch chorisch exzellente Überraschungen. Etwa wenn plötzlich zur Hochzeit Barockes erklingt, wenn romantische Hörnersanftmut von der ersten Liebe kündet, wenn die Tuba in Tänzerisches hineinpoltert, ein veritables Geigensolo die Empfindungen der Schwangeren signalisiert, klirrende Pizzicati den angeheiterten Ehemann ankündigen, schrille Blechkasakden den Unfall markieren und schließlich Hymnen fast wie in Richard-Strauss-Opern vollendetes Eheglück bejubeln.

Erzählt wird nämlich die schlichte Alltagsgeschichte von Shanty. Geboren während des Krieges, in der Schule von Träumen und Geistern umfangen, Lösung vom dominaten Vater, junge Liebe, Hochzeit, bedrückende Arbeit samt Seitensprung-Gedanken, Hauskrach, Friedensschluss und Hoffnung auf eine bessere Zukunft aller Menschen.

Seit Händels Zeiten gilt in England bei Oratorien-Aufführungen fast immer die Regel: Die Masse macht’s. Deshalb treten auch hier ganze Heerscharen auf - als Gag: Wenn das rechtschaffen besetzte und beflissen musizierende Orchester Elgars Marsch "Pomp and Circumstance" intoniert, marschieren der große Universitätschor und der ebenfalls an die hundert Köpfe zählende Knabenchor Unser Lieben Frauen ein; beide Vokalgemeinschaften beherrschen einwandfrei ihre Parts: Dem Chor, obwohl auch hier die Frauen in der Überzahl sind, reichen potente Männerstimmen zu einer erfreulichen Balance. Diktion und runder, variabler Klang, rhythmische Präzision und die innere Beteiligung verweisen auf eine gründliche Vorarbeit. Der Knabenchor, einstudiert von Ansgar Müller-Naninga, wob den klaren, reinen Unschuldsklang vorzüglich in den Gang der Handlung ein.

Klar und rein - so sang auch Clemens Löschmann mit schlankem, lyrischen, fast möchte man sagen, "Jungmänner"-Tenor die Mannwerdung des biederen Shanty. Jennifer Bird zeichnete mit innig aufstrahlendem Sopran das Porträt der jungen Frau. Maria Kowollik ließ in verschiedenen Personen leicht vibrierende Samttöne hören, und Genadijus Bergorulko durfte nur kurzphrasig solide Basstöne einfügen.

Susanne Gläß hatte den umfangreichen Apparat fest im Griff, beherrschte Chor und Orchester der Universität Bremen mit einer entflammten Musikalität, ließ keine Passage bloß abspielen, drängte vielmehr mit beachtlichem Erfolg zur plastischen Gestaltung. Gerade auf diesem Gebiet hat sie trotz der Fluktuation unter den Mitwirkenden Staunenswertes erreicht. Und noch ein Gag: Bei der Zugabe durften die Besucher in den Halleluja-Chor des "Messias" einstimmen (Noten wurden großzügig während der Pause verteilt).

 

aus Kreiszeitung (Stuhr-Weyher Zeitung) vom 12.02.2007:

Mutige Wahl - großer Erfolg
"Liverpool Oratorio" als Semester-Abschlusskonzert in der Glocke

BREMEN (ab)Mit dem selten gespielten, aufwendigen "Liverpool Oratorio" von Paul McCartney und Carl Davis hatte Universitäts-Musik-Direktorin (UMD) Susanne Gläß für das Semester-Abschlusskonzert der Uni Bremen in der Glocke eine mutige Wahl getroffen.

Als nach fast zwei Stunden das Uni-Orchester, der Uni-Chor und der Knabenchor der Kirche Unser Lieben Frauen gemeinsam mit dem Publikum ein Halleluja schmetterten, entpuppte sich die Auswahl als großer Erfolg. Er verlangte allerdings auch allen Seiten Anstrengungen ab, schließlich ist das "Oratorio" zum Teil schwierige und ganz gewiss etwas sperrige Literatur, die übrigens ein komplettes Sinfonie-Orchester verlangt. Maria Kowollik, Jennifer Bird, Clemens Löschmann und Genadijus Bergorulko sangen die Soloparts.

Ebenso unkonventionell wie die Auswahl trat Gläß vor der Pause vors Publikum und sagte etwas für Dirigenten Unübliches: Sie drückte ihre Hoffnung aus, dass "wir auch den zweiten Teil bis zum Schluss durchhalten". Gemeint waren nicht nur die mehreren hundert Aktiven auf der Bühne, sondern auch das Publikum. Denn Gläß wollte schon mal vor der Pause klären, dass sie eine britische Zugabe wünschte. In England nämlich, klärte die UMD auf, verschwimmt nach dem Konzert die Grenze zwischen Bühne und Publikum, will sagen: Alle singen gemeinsam. Und schließlich handele es sich hier um ein sehr britisches Werk, warum also nicht anschließend die Zugabe zusammen gestalten?

Das "Liverpool Oratorio" ist benannt nach McCartneys Geburtsstadt und die erzählte Geschichte trägt Züge der Biografie des ehemaligen "Beatles"-Mitglieds. Allerdings hat das "Oratorio" herzlich wenig mit "Yesterday" oder etwa "Yellow Submarine" zu tun. Es enthält Arien für Sopran, Alt, Tenor und Bariton, die nur Profis wie die vier Solisten meistern können. Das "Oratorio" hat aber auch sehr eingängige, fast komische Passagen. Zum Beispiel, wenn der Knabenchor die Schulklasse singt, die Spanisch lernen soll. In den tragischen und leidenschaftlichen Szenen scheuten McCartney und Filmmusikkomponist Davis nicht vor Anleihen an Kirchenmusik und auch nicht vor dem berühmt-berüchtigten Himmel voller Geigen zurück. Das Publikum hielt durch und spendete begeisterten Schlussapplaus.