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Kritiken zu Konzerten im Wintersemester 2004/2005

aus Weser-Kurier vom 11.5. 2005:

Klänge besiegeln die Freundschaft

Bremer und Danziger sangen im Dom

Von unserem Mitarbeiter Simon Neubauer

BREMEN. Die Freundschaften, insbesondere jene schon zur Tradition gewordene zwischen Bremen und Danzig, beweisen gerade jetzt, während der intensivierten Erinnerungen an das Kriegsende vor 60 Jahren, ihre Lebendigkeit. So war nun im Dom die Partnerschaft zwischen den Universitäten beider Städte zu feiern. Und selbstverständlich mit einem Konzert, das von Chören und Musikern beider Hochschulen gemeinsam gestaltet wurde. Wobei es die Polen etwas leichter hatten mit dem lateinischen Text von Bruckners gewaltigem "Te Deum", wogegen die Deutschen mit der polnischen Übersetzung des fragilen "Stabat Mater" von Karol Szymanowski manche harte Nuss aus Zischlauten und der Unzahl an Konsonanten zu knacken hatten.

Schwierige Zischlaute

Gleichwohl errang die Sequenz zum Gedächtnistag der Schmerzen Marias unter dem Kreuz den eindringlichen Tonfall, den Szymanowski in seiner Komposition vorgeschrieben hat. Marcin Tomczak, der künstlerische Leiter des Akademicki Chór Uniwersytetu Gdánskiego, setzte in seiner subtilen Interpretation vorwiegend auf das Erblühen zarter Farben, die sich aus den Pianissimi der Anbetung zum erregten Forte der Klagen und des Mitleids entwickelten. Chöre und Orchester erfreuten durch geschmeidige Tongebung und eine erstaunliche Klarheit des Klangs. Im solistischen Bereich überzeugten die lauter und rein mit Jubeltönen singende Sopranistin Agnieszka Kupisz und die flexibel gestaltende Altistin Maria Kowollik (sie singt gegenwärtig am Bremer Theater in "Ariane et Barbe-Bleu"), wogegen der Bassbarition Jinwon Yang trotz schönen Timbres, jedoch mangelndem Volumen "zugedeckt" wurde.

Leuchtender Klangteppich

Besser glückten dem in Bremen studierenden Koreaner die Aufgaben in Bruckners "Te Deum", aber da gebührte - neben den Damen - der erste Rang dem mit lyrischer Innigkeit aufwartenden Clemens-C. Löschmann, unvergessen als "Noah" am Goetheplatz. Überhaupt erlaubte die Wiedergabe des beliebten Brucknerschen Glaubensbekenntnisses einen anderen Zugriff. Und Susanne Gläß, schon am Dirigentenpult stürmisch begrüßt, entrollte mit Feuereifer und prägnanter Deutung von der Anbetung bis zur prächtigen Doppelfuge des gloriosen "Amen" einen aus leuchtenden Farben gewobenen Klangteppich. Die Musiker, von Bremer Philharmonikern betreut, leisteten Beachtliches, die in Freundschaft vereinten Chöre jubelten hingerissen mit.

Professor Wolfgang Eichwede hatte eingangs das Geben und Nehmen zwischen Polen und Deutschen innerhalb des politisch-gesellschaftlichen Verhältnisses seit Kriegsende besonders gelobt. Und der begeisterte Schlussapplaus wurde unterbrochen durch ein gemeinsam von Ausführenden und Hörern gesungenes "Dona nobis pacem". Möge sich die Bitte weiterhin erfüllen.

 

aus Rotenburger Rundschau vom 10.05.2005:

Gesamteindruck: schier übermächtig

Chöre der Universitäten Danzig und Bremen gestalten Konzert - Erste Station: Rotenburg

Rotenburg. Im Rahmen der Partnerschaft zwischen Bremen und Danzig hat unlängst ein deutsch-polnisches Jahr begonnen. Dazu erarbeiteten der Chor der Universität Danzig sowie das Orchester und der Projektchor der Universität Bremen ein eindrucksvolles Konzert, für das die Stadtkirche Rotenburg erste Station war. Hier erklangen „Stabat Mater“ („die schmerzerfüllte Mutter stand...“) von Karol Szymanowski und „Te Deum“ („Dich, Gott, loben wir“) von Anton Bruckner, zwei Chor- und Orchesterwerke, die auch im Bremer Dom und in der Sankt-Johannis-Kirche in Danzig aufgeführt werden.

Partnerschaftlich wie die Begegnung der Mitwirkenden sind auch die ausgewählten Werke, geistliche Kompositionen eines Polen und eines Österreichers, der dem deutschen Musikschaffen zugerechnet wird. Besingt Szymanowski in seinem 1926 komponierten Werk den Schmerz und die Trauer, die Maria unter dem Kreuz um ihren toten Sohn empfindet, so ist Bruckners „Te Deum“ aus dem Jahre 1884 ein machtvoller Lobgesang, der passagenweise klingt, als werde er von den himmlischen Chören der Offenbarung angestimmt.

Superintendent Hans-Peter Daub nahm diese Symbolik in seiner Begrüßung auf und verwies darauf, dass neben dem Schmerz der Muttergottes auch die Trauer über die Verletzungen des Zweiten Weltkriegs aufgenommen werde, ebenso aber auch die Freude über den Neuanfang und das Vertrauen der nachbarlichen Beziehungen der beiden Völker, ein Neuanfang, der gerade für die Jugend zur Hoffnung berechtige.

Dazu passt, dass ein Pole und eine Deutsche als Dirigenten beteiligt waren: Professor Marcin Tomczak leitet den Danziger Chor seit 1992 und errang mit ihm 2004 bei der dritten Chorolympiade in Bremen eine Goldmedaille. Susanne Gläß ist Universitätsmusikdirektorin in Bremen. Sie leitet das 65-köpfige Orchester der Universität.

„Stabat Mater“, das sechssätzige Chorwerk Karol Szymanowskis, beeindruckte durch den Wechsel von zarten Passagen, hämmerndem Ostinato und a-cappella-Gesang. In den Dialogen zwischen den Solisten und dem Chor zeichnete sich Agnieszka Kupisz (Sopran) durch brillante Klarheit und große Natürlichkeit aus, sie und die Altistin, Professor Maria Kowollik, gestalteten gemeinsam mit dem Chor den a-cappella-Satz wunderbar schlicht. Insgesamt gelang Marcin Tomczak mit dem großen Orchester und dem Riesenchor (weit über 100 Sängerinnen und Sänger) in ausgewogenem Miteinander mit den Solisten eine spannungsreiche, dabei anrührend innige Aufführung.

Anton Bruckner, dessen Herz im Stift St. Florian unter der von ihm lange Jahre gespielten Orgel begraben ist, gestaltete in seinem „Te Deum“ den Lobgesang mächtig und brausend, fordert in den Fortissimi die Sänger bis zum Äußersten. So entstand ein Werk, das unter dem stets kontrollierenden Dirigat von Susanne Gläß Mitwirkende und Publikum bannte und begeisterte. Clemens-C. Löschmanns schlanker, strahlender Tenor fügte sich ausgezeichnet zum dunkel-voluminösen Bass Jinwon Yangs, kongenial ergänzt durch die solistischen Frauenstimmen.

Das schier übermächtige Finale sprengte fast mit seiner Lautstärke den Kirchenraum. Im „Dona nobis pacem“ („gib uns Frieden“) vereinten sich abschließend Chor, Orchester und Konzertbesucher, kollegial von beiden Dirigenten geleitet, zu einem Gesamteindruck, der lange in den Seelen der Teilnehmer nachhallte.

Uwe Lehmann

 

aus Rotenburger Kreiszeitung vom 10.05.2005:

Trauer und Neuanfang gehüllt in musikalische Meisterwerke

Deutsch-polnisches Chorkonzert zum Kriegsende vor 60 Jahren

ROTENBURG (is) · Ein Wochenende der Erinnerungen: 60 Jahre nach der Befreiung gedenkt Deutschland des Endes des Krieges, seiner Opfer und seines Leids.

Superintendent Hans-Peter Daub sieht in dem gemeinsamen Konzert der Partnerstädte Bremen und Danzig auch eine Chance: Er möchte in den mächtigen Klängen des "Stabat Mater" von Karol Szymanowski nicht nur die Trauer der Maria um ihren Sohn, sondern zugleich wie auch in der Bibel einen Neuanfang verstehen. Und er sei dankbar, in Rotenburg an diesem Programm von Stadt und Wissenschaft 2005 im Rahmen des Deutsch-Polnischen Jahres teilhaben zu dürfen.

Mit dem an der Klassik orientierten, 1926 geschriebenen, Meisterwerk "Stabat Mater" des sich schon der Atonalität nähernden polnischen Spätromantikers Karol Szymanowski und dem großartigen Lob-, Dank- und Bittgesang "Te Deum", das zu den herausragenden Kompositionen dieses Genres im 19. Jahrhundert gehört, hatten sich rund 180 Mitwirkende vom "Akademicki Chör Uniwersitetu Gdanskiego", geleitet von Marcin Tomczak und Orchester und Projektchor der Universität Bremen, unter der Leitung von Susanne Gläß zu einem musikalischen Brückenschlag vereint, der die Menschen zutiefst ergriff und berührte. Von der Klage der Maria (rührend der innig empfundene Schmerz in der jugendlich-dramatischen Stimme der Sopranistin Agnieszka Kupisz) über das emotionale Anrufen der Muttergottes (durch die bis zu archaischer Tongebung gestaltende Altistin Maria Kowollik), das Bitten um Beistand (strahlend der Tenor Clemens-C. Löschmann und der leider mehrmals vom Orchester zugedeckte kultivierte Bariton Jinwon Yang). Vom entrückten Cis-Dur-Schluss des "Stabat Mater" bis zum gewaltigen Tonvolumen "in aeternam" des "Te Deum" musizierten Chor und Orchester sicher und auf die Durchsichtigkeit des Klangs bedacht, ließen sich dankenswerterweise nicht zum Schreien verleiten und beendeten das aufwühlende Konzert mit der gemeinsamen Bitte aller: "Dona nobis pacem!"