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Kritiken zu Konzerten im Sommersemester 2004

aus KREISZEITUNG (Stuhr-Weyher Zeitung) vom 2.7.2004

Phänomen Tango verschiedenen beleuchtet

Gelungener Abend in der Gutsscheune mit 200 Mitwirkenden, einer Welturaufführung und beglücktem Publikum

Varrel (hob). Eigentlich war der Vorverkauf eher lau gelaufen, denn selbst argentinischer Tango hätte im Angesicht dessen, was sich in unseren Breiten Sommer nennt, niemanden wärmen können. Doch dann kam eine halbtägige Wetterwende und Regina Angres ins Schwitzen. Die Kultur-Mitarbeiterin der Gemeinde Stuhr musste plötzlich wider Erwarten Stühle schleppen, denn statt Regen strömte nun das Publikum.
Der „Concertango" in der Gutsscheune war ausverkauft. Ein erheblicher Aufwand hatte sich damit gelohnt. Der Konzertabend sollte das Phänomen Tango aus verschiedenen Blickrichtungen beleuchten: aus der eines Sinfonieorchesters, jener eines Chores, der Perspektive eines Blas- und der eines Tangoorchesters. Wohl knapp 200 Mitwirkende musizierten an dieser Aufgabe und hinterließen ein staunendes und durchaus beglücktes Publikum.
Den Anfang machte eine Welturaufführung. Juan Maria Solare, gebürtiger Argentinier, Komponist und Klavierlehrer am Bremer Konservatorium, komponierte den "Concertango estreno mundial". Das Bremer Uni-Orchester unter Susanne Gläß führte das Werk erstmals auf. Werk und Interpreten glichen sich in einem: Sie begannen schwach. Die Komposition dümpelte im ersten Satz uninspiriert und ohne echte Einfälle dahin, und das Orchester kämpfte hörbar mit den Problemen der Anfangsintonation. Mit den Sätzen "Nomade" und Fulminante" wendete sich das Blatt völlig unerwartet. Nun kamen Sehnsucht und Temperament, Selbstbewusstsein und Emotion, Einfall und Brillanz in Werk und Interpretation zusammen; Solare und das Orchester fanden sich - und mochten sich. Nach dem Debakel der ersten Takte war es am Ende schade, dass das Werk schon vorbei war. Für den Komponisten gab es Blumen und Extraapplaus.
Mit "Lauter Blech" kam dann ein Ensemble aufs Podium, das mit "Attacken auf die Gehörgänge" drohte und sich selbst als „basisdemokratischen“ Zusammenschluss" bezeichnet. Tatsächlich zeigten die Bläser dann auch diesen Hauch von Anarchie, der aus Strawinsky akademischen Krach machte, der den einen oder anderen Tango musikalisch eher zum Karneval nach Rio verfrachtete und Songs wie Weills "Zuhälterballade" diesen gewissen Ruch verpasste, den Frack tragende Musikbeamte niemals werden vermitteln können. "Lauter Blech" war leicht krawallgebürsteter Spaß pur und der Scheuneneinheizer schlechthin. Viel gerader musizierte anschließend der Uni-Chor Bremen mit zwei Vokalbearbeitungen von Werken Astor Piazollas, dem König des klassischen Tango. Die vielen Sängerinnen und Sänger beschränkten sich auf wortlose Vokalisen, sangen also keinen Text, sondern betrachteten sich selbst als Orchester. Es entstanden faszinierende Klangbilder, die neue Ideen von den Möglichkeiten der a-capella-Musik in den Raum brachten.
„Concertango"-Komponist Juan Maria Solare dirigierte abschließend den wahrscheinlich authentischsten Programmblock. Das Tango-Orchester “No tipica” der Uni Bremen, die Tänzer von „Maldito Tango" und Gesangssolisten brachten Perlen des ursprünglichen Tango. "Balada para un loco" oder „Caminito" waren wohl diese weitschweifenden und sehnsuchtsvollen Lieder, die das Publikum unter der Chiffre "Tango" erwartet. hatte. Der Applaus für alle Mitwirkenden war am Ende riesig und es war den Zuschauern anzusehen, dass sie sich eine Riesenportion Argentinien in ihren Regensommer mit nach Hause nahmen.

aus Delmenhorster Kreisblatt vom 2.7.04

Die Faszination eines Tanzthemas

KONZERT "Tango" schlug das Publikum in seinen Bann

Hundert Musiker, Sänger und Tänzer verzauberten in der Varreler Gutsscheune das Publikum.

STUHR-VARREL/RH - Mit einem musikalischen Leckerbissen präsentierte sich am Mittwochabend das Bremer Universitätsorchester bei seinem diesjährigen Auftritt in Varrels so gut wie ausverkaufter Gutsscheune. Gezielt gingen die Hochschulmusiker in ihrem Sommerkonzert "ConcerTango" neue Wege, so dass die Besucher ein faszinierendes Weltneuheiten-Programm zu hören bekamen.
Nach der kurzen Einführung in den Themenabend durch die Universitätsmusikdirektorin Dr. Susanne Gläß war zu erwarten, dass die weit über 100 Musiker, Sänger und Tänzer dem Publikum Tango-Interpretationen anbieten würden, wie sie in dieser Vielfalt andernorts kaum zu hören sind. "Bremen bildet mit Berlin die deutsche Tango-Hochburg", machte Gläß bereits vor den ersten Tönen den Mund wässerig.
Tatsächlich war schon der erste Teil des Abends mit dem Auftritt des Bremer Universitätsorchesters für sich allein genommen das Kommen wert. Der an der Bremer Universität tätige argentinische Komponist Juan Maria Solare hatte speziell für die Hochschulmusiker den ConcerTango "Estreno Mundial" komponiert, so dass mit den drei Sätzen Natural, Nomade und Fulminante eine echte Welturaufführung geboten wurde. Dabei gelangen den Streichern und Bläsern unter Gläß' Leitung solch überraschende und zugleich überzeugende Sicht- und Interpretationsweisen des Tango, dass das Publikum zunächst mucksmäuschenstill wie gebannt zuhörte, um sich anschließend zu einem Beifallssturm hinreißen zu lassen.
Als ebenso experimentierfreudig präsentierte sich der eigens für dieses Ereignis zusammengestellte Projektchor der Universität, der zwei Kompositionen von Astor Piazzolla in neuem Gewand vorstellte.
Da es keine speziellen Chormusiken auf den Tango gibt, wagten sich die Arrangeure Nestor Zadoff und Oscar Escalada an eine Neufassung der Klassiker "Buenos Aires Hora Cero" und "Verano Porteno". Ganz auf die Ausdruckskraft ihrer Stimmen gestellt machten die überwiegend jungen Sängerinnen und Sänger klar, dass der Tango auch ohne instrumentelle Begleitung in Formation gesungen werden kann. Es war begeisternd zu hören wie es dem Chor gelang, die Klangbreite eines veritablen Orchesters auf die Bühne zu bringen und sie mit einer Emotionalität zu unterlegen, wie sie nur der menschlichen Stimme eigen ist.
Einen locker-verschmitzten Blick auf die Internationalität des Tango warf in einem geglückten Einschub die Bläser- und Trommlertruppe "Lauter Blech". Mit ihrer Eigenkomposition "Ulm-Tübinger-Tango" vermittelte sie zunächst schwäbische musikalische Eigenarten, bevor die Reise über Spanien und Russland mit der weiteren Eigenkomposition " Tomo Y Obligo" in die Tango-Metropole Argentinien ging.
Mit furiosen Trommelwirbeln und einem ausgeprägten Sinn für Effekte zeigte "Lauter Blech" auch auf seiner französischen Schlussstation, dass Blasinstrumente zu mehr taugen als dem gängigen Abspulen von Marsch- und Militärmusik.
Zwei Stunden waren die Gäste in der Gutsscheune so bereits blendend unterhalten, als es zum optischen Höhepunkt des Abends ging. Unter Leitung von Juan Maria Solare stürmte das Tangoorchester "Orquesta No Tipica" die Bühne, begleitet von Solosängern sowie der gut aufeinander abgestimmten Universitäts-Tanzgruppe "Maldito Tango". Mit klaren Arrangements wurden die Gäste in 14 Stationen durch die Klassikerwelt von 100 Jahren Tango geführt, wobei es mit "Lo Que Se Fue" sogar eine weitere Welturaufführung gab.